04.Dez.–bei den Murats

verfasst am 4. Dezember 2010
101127-auspuff-demontiert-steppe Ja ja die Mongolen, die sind mir schon wer …
Ich will mal die Geschichte von Murat erzählen. Besser gesagt von Murat+Family.

Das fängt ganz harmlos und auch alt bekannt an: mein Auspuff ist mal wieder hin. Mitten in der mongolischen Steppe, zwischen Arvanher und Bayanhongor. Das Endrohr rutscht wieder mal aus dem Topf. Die für genau diesen Halt vorgesehen Schelle scheint irgendwie vom Montag abzustammen.

101127-auspuff-demontiert Kein grosser Akt. Hier so im stürmischen Steppenwind reparier ich da garnix, schraube lieber die Halterung auch noch ab, und staue das Endrohr einfach weg. Der Gelbe wird so auch nicht lauter.
Nun komm ich zeitig in West-West Mongolei, in Ölgliy an.
Da steh ich abends so auf einem belebten aber angenehmen Parkplatz zur Nachtruhe, da klopft es an meine Box.
Rollos sind unten, also kann keiner sehen, dass ich drinnen bin. Mache die Türe zum Durchgang auf, und sehe einen Lada vor mir parken. Murat mit seiner Frau.
Sie lauern mir geradezu auf.
101128-vor-restaurant Als Murat mich sieht, springt er aus dem Lada und empfiehlt mir alle seine Dienste, vom Hotelbett (hab ich schon), übers Abendessen (hatte ich schon), bis zum Museumsbesuch (will ich den ?).
Okay, nen Auspuffreparierer könnte ich brauchen.
Ohhh, da bin ich bei ihm goldrichtig. Er ist Spezialist. Ich soll doch gleich den Diesel anwerfen und hinter ihm herfahren.
Das können wir morgen in Angriff nehmen, heute hab ich meinen Schlafplatz gefunden, und der Diesel schläft auch schon.
Murat lässt nicht locker. Es kostet mich locker ne halbe Stunde, dann zieht er mit Frau und Lada von dannen. Bis morgen um 9h dann.
101203-opa-murat Ich hab es schon definitiv gewusst. Um 8.30h poltert es gegen die Türe. Murat. ich geb ihm noch ne halbe Stunde frei.Erstmal Tee trinken. Opa Murat, Oma Murat, Bruder und Schwester Murat, Nichte Murat. Das find ich ja wirklich nett, mal etwas in so ne Familie reinschnuppern. Vor allem Opa ist locker drauf und erzählt nen Schwank. Ich schmunzle und lache an verschiedenen Stellen, und alle sind zufrieden. Dann der Auspuff. Ob ich denn Werkzeug dabei hätte? Wie Werkzeug? Hat er denn keines? Naja, ein bisschen schon…, wollen wir mal sehen.
Im Grunde hätt’ ich es selber machen können, aber Murat gibt sich alle Mühe und steuert auch ne Schraube samt Mutter aus der Blechsammelschublade bei.

Zum Abendessen soll ich natürlich auch kommen, oder am besten gleich da bleiben.
Was macht denn jetzt die Rechnung, frage ich ? Naja, also für das Auspuff reparieren, für den Tee, fürs Abendessen, und für meinen Schlafplatz vorm Haus 35.000 Tokrig (ca. 20€). Ich handel auf 30.000 Tockrig runter, und alle sind zufrieden. Ich schlafe wirklich ruhig und gut.

101203-vor-murats-haus1 Am nächsten morgen zum Tee.
Ich hab festgestellt, dass meine Reserve H4 Birne auch nicht mehr funzt. Ob er eine neue im Dorf auftreiben kann, aber 24V muss sie haben, LKW-Technik.
Kein Problem, meint er. Kostet? Na 12V kostet 6.000 Tokrig, 24 V 12.000. Und für seine Bemühung nochmal 5.000.
Ich bräuchte auch drei Brote und 5x 1,5l Trinkwasser. Auch kein Problem, Brote kosten 3.000 und das Wasser 5.000.Ich solle meinen Diesel stehen lassen. Wir fahren mit dem Lada. Sohnemann und Frau fahren auch gleich mit. Die beiden steigen irgendwo im Bazar aus, wir fahren eine Strasse weiter. Er spricht einige Leute auf der Strasse an, bei einem AutoteileContainer fragt er nach, aber er hat keine. Wir fahren wieder ne Strasse weiter, Frau und Sohn steigen ein, Sohn hat die passende Lampe in der Hand. Ergo: ich war wichtigster Teilnehmer eines Ablenkungsmanövers. Ich durfte auf keinen Fall beim Kauf der Birne dabei sein, so sehr überteuert hab ich sie bekommen. Brot und Wasser kamen auch wie von Geisterhand ins gelbe Haus.
101204-junior-murat Zudem versucht Murat immer wieder genau das abzustauben, was er so in meinem Haus herumliegen sieht: mein Handy mit Touchscreen (seins hat nur Tasten), ein “Schoolbag” für den Sohn (mein Loewe Treckingrucksack mit 85 Liter), meine Fleecejacke und meine Jeans, die ich gerade anhabe und so weiter…
Bekommen hat er von alle dem nichts. Dabei hätte ich schon einige nützliche und wertvolle Geschenke parat gehabt, “Not used”, sondern nagelneu.
Achso, fünf abgezählte Kulis wollte er noch haben, für alle männlichen Familienmitglieder, einschliesslich Opa. Die hat er bekommen, und für Mama Murat auch einen.
Meine Meinung: Das ist nicht mein einziger solcher Fall in der Mongolei. Solche Mongolen haben ihr Nomadentum aufgegeben, und das Überleben stellt sich als schwieriger heraus, als das es die Froh-Botschaften aus der Werbung glauben gemacht haben. Sind deshalb die mongolischen Nicht-Nomaden andere Mongolen? Ich denke schon !