16.Jan.–Arbeit mit Selbsthilfegruppen

verfasst am 16. Januar 2012

Die Film-Reportagen auf dieser Reise drehen sich fast alle um ein Hilfsprogramm der Kindernothilfe Duisburg.
Der Hilfsansatz ist ungewöhnlich, aber seit acht Jahren hier in Kenya erfolgreich. Es geht um Selbsthilfegruppen (SHG).

120128-shg-tshirts Die Hilfe richtet sich ausschliesslich an die Ärmsten der Armen. Also eine Bevölkerungsschicht, meist in verstreuten Dörfern, die auch von staatlichen Unterstützungen nicht erreicht werden.
So eine SHG besteht aus 10 Frauen. Diese Frauen treffen sich einmal in der Woche, tauschen sich über familiäre, soziale Probleme aus, und zahlen Kleinstbeträge in eine gemeinsame Kasse ein. Die Idee dabei: egal wie arm man ist, Kleinstbeträge sind immer noch möglich, da geht es um umgerechnet 10 oder 20ct.
120118-frauen-im-zentrum Jedesmal wird eine Kassenwartin neu bestimmt. Sie trägt alle Zahlungen in ein Buch ein. Eine andere nimmt den Spartopf mit nach Hause und bringt ihn nächste Woche wieder zur Versammlung mit. So wird das Vertrauen in jede Einzelne innerhalb der Gruppe gestärkt.
Das ist übrigens auch ein wichtiger Grund, weshalb Männer ausgeschlossen sind. Sie würden das gesammelte Geld ruckzuck für eigene Zwecke ausgeben. Ihre soziale Verantwortung innerhalb der Familie ist deutlich kleiner als die der Frau.

Ist eine gewisse Summe zusammengespart, kann ein Mitglied der Gruppe unterstützt werden. Meist wird dann eine Startfinanzierung für ein kleines Geschäft gegeben. So erwirtschaftet dann diese Frau ein grösseres Einkommen, kann den Kredit an die Gruppe zurückbezahlen und auch einen höheren Anteil in den Spartopf geben.

120118-dorfrunde Wo ist denn da die Hilfestellung von aussen ?
Bis jetzt ist immerhin kein einziger Spenden-Euro geflossen.
Dabei bleibt es auch! Es fliessen keine Spendengelder in die Gruppe.
120116-mit-kochtopf_2 Lediglich eine übergreifende “Facilitator” wird durch Spendengelder ausgebildet, und berät die SHG in vielerlei Fragen, zum Beispiel der Buchführung.
Wird eine Geschäftsidee für eine kleines Business gesucht, dann berät die Facilitator auch hier. Es macht keinen Sinn den 21 Markstand mit Gemüse zu erfinden.
Aber es macht Sinn, zum Beispiel besonders grosse Kochtöpfe zu kaufen, die dann zu Hochzeiten, Versammlungen, oder grossen Feste gegen Entgelt verliehen werden können.
120116-selbstbewusste-frau1 Damit nicht genug. Zwei Frauen aus jeder SHG finden sich in einer nächst höheren Gruppe zusammen. Hier kommen dann Ideen, soziles Engagement von 50 Frauen zusammen. Auch hier wird gespart. Die Frauen bringen wieder kleine Beträge aus ihren eigenen Gruppen mit, aber jetzt immerhin von 50 Frauen!
Und es geht noch weiter. Die Frauen organisieren aus diesem zweiten Level noch einen dritten. Diese Gruppe spricht dann für einige hundert Frauen.
Das hat ein paar ganz spannende Dinge zur Folge:
Die beteiligten Frauen spüren wie stark sie zusammen sind, Was sie auf jedem Level erreichen können. Das macht sie selbstbewusst und auch unabhängiger.
120116-betty2 Die Struktur bekommt ein politisches Gewicht.
Wenn da ein Antrag zum Beispiel zur Sanierung eines Brunnen an die lokale Politik gerichtet wird, dann kann da kein zuständiger Beamter mehr locker drüber hinweg gehen.
Und selbst wenn einige Frauen zum Facilitator ausgebildet werden und zwischen den Gruppen unterwegs sind, dann vergessen sie niemals woher sie selbst gekommen sind. Die Solidarität ist sofort spürbar. Anders als bei “institutionellen Funktionsträgern”.
120118-kinderrunde1 Einige dieser Treffen erlebe ich hautnah mit.
Bis auf unseren Fahrer Yassin bin ich tatsächlich immer der einzige Mann weit und breit.
Bei den Versammlungen geht es ruhig und engagiert zu. Sie haben es wohl realisiert, zu welchen Fortschritten sie aus sich selbst heraus in der Lage sind. Sie nehmen ihre Chancen wahr. Sie tun es für sich, und für ihre Kinder, für ihre Zukunft.

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